Warum Autismus, Sensitivität und Stress zusammenhängen — und was daraus für den Alltag folgt

Teil 2 von zwei. Teil 1 — Die Dimension unter den Diagnosen — ist seit dem 5. September online und kündigt diesen Text an.

Im vorangehenden Beitrag ging es um die Frage, ob Sensitivität die Dimension unter den Diagnosen ist — der gemeinsame Nenner von ADHS, Autismus und PTBS. Diese Frage ist offen, und sie bleibt es. Dieser Text setzt eine Stufe tiefer an, bei etwas, das weniger strittig ist: Was passiert mit einem Menschen, dessen Wahrnehmung weniger filtert, wenn er sich Tag für Tag in einer Umgebung bewegt, die auf Menschen mit durchschnittlicher Filterung ausgelegt ist?

Die Antwort ist unspektakulär und folgenreich zugleich: Er verbraucht mehr. Nicht einmal, sondern durchgehend.

1. Nicht der einzelne Reiz zählt, sondern die Summe

Der verbreitete Irrtum über Reizempfindlichkeit ist, dass sie sich an einzelnen Ereignissen zeige — an dem einen Restaurant, das zu laut war, an dem einen Etikett im Pullover. So erlebt es die Umgebung, weil sie nur die Momente sieht, in denen etwas kippt.

Von innen sieht es anders aus. Ein Grossraumbüro mit flackernder Beleuchtung, ein Schulzimmer mit fünfundzwanzig Kindern, ein Bahnhof im Feierabendverkehr — das sind keine Ereignisse, sondern Zustände. Wer sie nicht wegfiltern kann, arbeitet die ganze Zeit. Und wenn zwischen zwei solchen Zuständen keine Erholung liegt, sinkt die Belastung nie auf den Ausgangswert zurück; sie beginnt am nächsten Morgen ein Stück höher.

Deshalb genügt am Ende eines solchen Tages eine Kleinigkeit — eine Planänderung, eine Frage zur falschen Zeit — um etwas auszulösen, das von aussen wie eine masslose Überreaktion aussieht. Es ist keine. Es ist die Summe des Tages, an ihrem letzten Punkt sichtbar geworden.

2. Was «weniger Filterung» heisst

Für die Frage, warum das Filtern anders läuft, gibt es mehrere Erklärungsmodelle, und sie schliessen einander nicht aus.

Das eine argumentiert über Vorhersage: Wahrnehmung ist kein Empfangen, sondern ein laufender Abgleich zwischen dem, was das Gehirn erwartet, und dem, was ankommt. Wer Abweichungen von der Erwartung durchgehend als bedeutsam behandelt, nimmt mehr Einzelheiten wahr — und muss mehr davon verarbeiten. Das andere argumentiert über Intensität: neuronale Schaltkreise, die stärker reagieren und schneller lernen, erzeugen eine Welt, die intensiver ist, als sie sein müsste. Beides sind Modelle, die sich in Teilen bewährt haben und in Teilen offen sind.

Was empirisch gut belegt ist, ist ein anderer Zusammenhang: Ungewissheit. In einer Untersuchung an 64 autistischen und 85 typisch entwickelten Kindern im Alter von sechs bis vierzehn Jahren erklärten Intoleranz von Ungewissheit und Ängstlichkeit gemeinsam rund die Hälfte der Unterschiede in der sensorischen Empfindlichkeit der autistischen Kinder — bei den typisch entwickelten Kindern rund ein Fünftel (Neil et al. 2016). Das ist keine Aussage über Ursachen, aber es verschiebt den Blick: Reizempfindlichkeit steht nicht für sich, sie hängt daran, wie berechenbar die Welt gerade ist.

Für den Alltag heisst das etwas sehr Praktisches. Ein angekündigter Lärm ist ein anderer Lärm als ein unangekündigter.

3. Der Zusammenhang mit Angst und Depression ist deutlich — seine Richtung nicht

Dass sensorische Überempfindlichkeit mit psychischer Belastung einhergeht, ist einer der stabileren Befunde in diesem Feld. Eine Metaanalyse über 63 Arbeiten mit 11’659 Teilnehmenden fand für Hypersensitivität Zusammenhänge mit Angst und Depression, die die Autorinnen und Autoren selbst als mittel bis gross einordnen; für Hyposensitivität — also für vermindertes Ansprechen auf Reize — waren die Zusammenhänge deutlich schwächer und für Depression nicht signifikant (Chen et al. 2024).

Diese Zahlen sagen jedoch nicht, was viele in ihnen lesen. Es handelt sich überwiegend um Querschnittsdaten: gemessen wird, was gleichzeitig auftritt. Ob die Reizempfindlichkeit die Angst erzeugt, ob die Angst die Wahrnehmung schärft, ob beides von einem dritten Faktor kommt oder ob sich alles gegenseitig verstärkt — das lässt sich daraus nicht entscheiden.

Wir halten die vierte Möglichkeit für die plausibelste, und wir sagen dazu, dass das eine Einschätzung ist und kein Befund.

4. Camouflaging: die teuerste aller Anpassungen

Es gibt eine Belastung, die in keiner Reizstatistik auftaucht, weil sie sozial erfolgreich ist: das fortwährende Anpassen des eigenen Verhaltens an das, was von einem erwartet wird. Blickkontakt halten, obwohl er anstrengt. Vorbereitete Sätze für den Pausenraum. Nachahmen, wie andere sich bewegen und antworten.

Das funktioniert — und es ist unter Umständen der Grund, warum eine Autismus-Diagnose erst mit vierzig gestellt wird. Es kostet aber. In einer Untersuchung an 305 autistischen Erwachsenen ging stärkeres Camouflaging mit ausgeprägteren Symptomen generalisierter und sozialer Angst sowie mit stärkeren depressiven Symptomen einher. Der Zusammenhang blieb bestehen, wenn Alter und Ausprägung autistischer Merkmale berücksichtigt wurden — allerdings nur in geringem Ausmass darüber hinaus, und deutlicher für Angst als für Depression (Hull et al. 2021).

Beim naheliegenden nächsten Schritt wird es interessant, und zwar in einer Richtung, die man nicht erwartet. Eine längsschnittliche Untersuchung an 332 autistischen Erwachsenen mit zwei Messzeitpunkten im Abstand von rund zwei Jahren hat gefragt, ob Camouflaging psychische Belastung verursacht. Sie fand dafür keinen belastbaren Hinweis; der einzige nachweisbare Effekt lief der Erwartung entgegen, war klein, und die Ausgangsbelastung sagte Veränderungen im Camouflaging nicht vorher (van der Putten et al. 2025). Die Richtung des Zusammenhangs bleibt damit ungeklärt — aber die einfache Lesart «Maskieren macht krank» wird von der bisher besten Datenlage nicht getragen.

Für die Praxis ist das weniger wichtig, als es klingt. Wer sich dauerhaft zusammennimmt, erbringt eine Leistung, die niemand sieht und für die niemand Erholung einplant. Das bleibt richtig, unabhängig davon, in welche Richtung die Kausalität läuft.

5. Meltdown, Shutdown, Burnout — was am Ende der Kette steht

Kommt zu wenig Erholung über Wochen und Monate zusammen, entsteht ein Zustand, den autistische Erwachsene mit bemerkenswerter Übereinstimmung beschreiben. Eine qualitative Arbeit — gestützt auf 19 Interviews und 19 öffentlich zugängliche Internetquellen — hat ihn zusammengefasst als anhaltende Erschöpfung über typischerweise mindestens drei Monate, Verlust von Fähigkeiten, die vorher da waren, und verringerte Belastbarkeit gegenüber Reizen — entstanden aus chronischem Lebensstress und einem Missverhältnis zwischen Anforderungen und Möglichkeiten bei fehlender Unterstützung (Raymaker et al. 2020). Der Begriff autistic burnout stammt nicht aus der Klinik, sondern von Betroffenen selbst; die Forschung hat ihn übernommen, weil er etwas beschreibt, wofür es keine bessere Kategorie gab.

Kurzfristiger und sichtbarer sind Meltdown und Shutdown. In einer Interviewstudie mit acht autistischen Kindern und Jugendlichen zwischen acht und achtzehn Jahren beschrieben die Teilnehmenden den Meltdown als Überwältigung mit Kontrollverlust und körperlichen Begleiterscheinungen — angespannte Muskeln, Hitzegefühl, beschleunigte Atmung, verschwommenes Sehen — und den Shutdown als Erstarren, als Blockade nach innen, bis hin zum Verstummen. Als Auslöser nannten sie unerwartete Planänderungen, sensorische Überreizung und angesammelte Belastung (Phung et al. 2021). Acht Teilnehmende sind eine sehr kleine Gruppe; die Übereinstimmung der Schilderungen ist der Wert dieser Arbeit, nicht ihre Verallgemeinerbarkeit.

Es lohnt sich, das nüchtern zu benennen: Beides sind keine Verhaltensprobleme im Sinn von Trotz oder Verweigerung. Beides sind Zustände, in denen ein überlastetes System abschaltet.

6. Was der Körper dazu sagt — und was noch nicht

An dieser Stelle liegt die Frage nahe, ob sich diese Dauerbelastung messen lässt. Die ehrliche Antwort lautet: nicht so einfach, wie man hoffen würde.

Eine systematische Übersicht über 31 Studien zu Cortisol bei Autismus fand ein uneinheitliches Bild — bei Kindern und Jugendlichen erhöhte, abgeschwächte und unauffällige Stressreaktionen nebeneinander, bei Erwachsenen weitgehend unauffällige Werte, wobei dort nur wenige Studien vorliegen. Bemerkenswert ist dabei ein anderer Befund derselben Arbeit: Das subjektiv berichtete Stressniveau lag deutlich höher, ohne dass es sich in den biologischen Massen entsprechend abbildete (van der Linden et al. 2022).

Das ist entweder ein Hinweis darauf, dass Cortisol das falsche Mass für diese Art von Belastung ist, oder darauf, dass die untersuchten Gruppen zu gemischt waren, um ein Signal zu zeigen. Beides spricht dafür, näher an der Verarbeitung selbst zu messen statt an ihrer hormonellen Folge. In unserer Arbeit mit der Universität Skopje trugen zur Unterscheidung autistischer und typisch entwickelter Kinder gerade jene EEG-Kanäle am stärksten bei, die wir Arealen der visuellen Verarbeitung zuordnen (Tenev et al. 2025) — ein Hinweis auf die sensorische Seite, kein Beleg für die hier beschriebene Stresskette. Die beiden Fragen sind nicht dieselbe, aber sie liegen nebeneinander.

7. Was daraus folgt

Wenn die Kette stimmt — weniger Filterung, mehr Aufwand, zu wenig Erholung, Zusammenbruch —, dann setzen die meisten Massnahmen an der falschen Stelle an. Sie zielen auf die Person: Reize besser aushalten, sich anpassen, unauffälliger werden. Das wirkt kurzfristig und erhöht langfristig genau die Grundlast, um die es geht.

Die Alternative ist weniger sichtbar und mühsamer, weil sie andere einbezieht: die Reizlast senken, wo sie sich senken lässt. Übergänge und Änderungen ankündigen, weil Vorhersagbarkeit den Aufwand senkt. Und Erholung nicht als Belohnung behandeln, sondern als Teil des Plans — Pausen, die nicht sozial sind; Zeiten ohne Publikum.

Das ist keine Therapieempfehlung, und es ersetzt keine Behandlung. Es ist die Feststellung, dass ein Teil dessen, was als Symptom behandelt wird, eine Antwort auf Bedingungen ist, die sich ändern lassen.

Für die Diagnostik folgt daraus dasselbe wie im vorangehenden Beitrag: Wer nur die Kategorie erfasst, sieht nicht, wie empfindlich jemand ist und wie viel er kompensiert. Beides gehört zur Beschreibung eines Menschen dazu — und beides entscheidet darüber, was hilft. Am Biomarker-Workshop 2026 am 10. Dezember in Zürich ist Sensitivität einer von vier Polen; wie sie sich fassen lässt, ist eine der Fragen, die dort zur Diskussion stehen.

Was dieser Text nicht zeigt

Die beschriebene Kette ist ein Modell, kein nachgewiesener Mechanismus. Die Zusammenhänge zwischen Reizempfindlichkeit, Angst, Camouflaging und Erschöpfung sind gut belegt; ihre Richtung ist es nicht — und für Camouflaging spricht die bisher einzige längsschnittliche Arbeit sogar gegen die naheliegende Leserichtung. Es ist möglich, dass die Kette in der Praxis in mehreren Richtungen gleichzeitig läuft, und es ist möglich, dass sie bei verschiedenen Menschen verschieden aussieht.

Die Arbeiten zu Meltdown, Shutdown und Burnout beruhen auf kleinen Stichproben und Selbstberichten. Das ist der angemessene Zugang zu einem Erleben, das sich anders nicht erfassen lässt — es ersetzt aber keine prospektive Untersuchung. Und die Frage, ob sich diese Dauerbelastung physiologisch abbilden lässt, ist offen; die vorliegenden Cortisol-Daten geben sie nicht her.

Wir halten das für erwähnenswert, weil ein plausibles Modell verführerisch ist. Dass etwas zusammenpasst, heisst nicht, dass es so ist.

Quellen

  • Chen, Y.; Xi, Z.; Saunders, R.; Simmons, D.; Totsika, V.; Mandy, W. (2024): A systematic review and meta-analysis of the relationship between sensory processing differences and internalising/externalising problems in autism. Clinical Psychology Review 114, 102516. DOI 10.1016/j.cpr.2024.102516
  • Hull, L.; Levy, L.; Lai, M.-C.; Petrides, K. V.; Baron-Cohen, S.; Allison, C.; Smith, P.; Mandy, W. (2021): Is social camouflaging associated with anxiety and depression in autistic adults? Molecular Autism 12, Art. 13. DOI 10.1186/s13229-021-00421-1
  • Neil, L.; Choque Olsson, N.; Pellicano, E. (2016): The Relationship Between Intolerance of Uncertainty, Sensory Sensitivities, and Anxiety in Autistic and Typically Developing Children. Journal of Autism and Developmental Disorders 46(6), 1962–1973. DOI 10.1007/s10803-016-2721-9
  • Phung, J.; Penner, M.; Pirlot, C.; Welch, C. (2021): What I Wish You Knew: Insights on Burnout, Inertia, Meltdown, and Shutdown From Autistic Youth. Frontiers in Psychology 12, 741421. DOI 10.3389/fpsyg.2021.741421
  • Raymaker, D. M. et al. (2020): «Having All of Your Internal Resources Exhausted Beyond Measure and Being Left with No Clean-Up Crew»: Defining Autistic Burnout. Autism in Adulthood 2(2), 132–143. DOI 10.1089/aut.2019.0079
  • Tenev, A.; Markovska-Simoska, S.; Müller, A.; Mishkovski, I. (2025): Entropy and Complexity in QEEG Reveal Visual Processing Signatures in Autism. Brain Sciences 15(9), 951. DOI 10.3390/brainsci15090951
  • van der Linden, K.; Simons, C.; van Amelsvoort, T.; Marcelis, M. (2022): Emotional stress, cortisol response, and cortisol rhythm in autism spectrum disorders: A systematic review. Research in Autism Spectrum Disorders 98, 102039. DOI 10.1016/j.rasd.2022.102039
  • van der Putten, W. J.; Mol, A. J. J.; Radhoe, T. A.; Torenvliet, C.; Agelink van Rentergem, J. A.; Groenman, A. P.; Geurts, H. M. (2025): Camouflaging in autism: A cause or a consequence of mental health difficulties? Autism 29(10), 2604–2617. DOI 10.1177/13623613251347104