Am Anfang der Sitzung steht fast immer dieselbe Frage: «Und, wie ist es Ihnen seit dem letzten Mal ergangen?»
Es ist eine gute Frage. Sie ist auch die einzige, die den meisten Behandlungen zur Verfügung steht, um herauszufinden, ob sie wirken. Und sie hat einen Konstruktionsfehler, den man kennen sollte: Sie verlangt von einem Menschen, dass er zwei, vier oder sechs Wochen seines Lebens zusammenfasst — und zwar in genau dem Zustand, in dem er heute gerade ist.
Wer heute einen schlechten Tag hat, erinnert die vergangenen Wochen dunkler, als sie waren. Wer heute einen guten Tag hat, unterschätzt, wie schwer der Mittwoch vor drei Wochen war. Dazu kommt, dass wir uns Verläufe schlecht merken. Was hängen bleibt, sind die Ausschläge und das Ende — der schlimmste Moment und die letzten Tage. Der ruhige, langsam ansteigende Mittelteil, also genau das, worauf es bei einer Therapie ankommt, hinterlässt kaum Spuren.

Das ist keine Schwäche einzelner Patientinnen und Patienten. Es ist die normale Arbeitsweise des Gedächtnisses. Nur eignet sie sich schlecht als Messinstrument.
Was passiert, wenn man stattdessen misst
Die Frage, ob es etwas bringt, den Verlauf regelmässig zu erheben statt ihn zu erfragen, ist gut untersucht. In der Psychotherapieforschung läuft sie unter Routine Outcome Monitoring: Man legt den Behandelten in kurzen Abständen ein knappes, standardisiertes Instrument vor und spiegelt das Ergebnis den Behandelnden zurück.
Die bislang umfangreichste Zusammenfassung stammt von Lambert, Whipple und Kleinstäuber (Psychotherapy, 2018). Sie fasst für eines der verbreiteten Systeme 15 Studien mit 8’649 Behandelten zusammen. Zwei Ergebnisse daraus sind bemerkenswert.
Das erste ist ernüchternd. Über alle Behandelten gemittelt ist der Effekt klein (Effektstärke 0,14). Wer erwartet, dass Messen für sich genommen die Therapie besser macht, wird enttäuscht. Bei einem Verlauf, der ohnehin gut läuft, ändert die Rückmeldung wenig.
Das zweite ist der eigentliche Punkt. Bei jenen Behandelten, deren Verlauf ungünstig war — in der Fachsprache not on track —, war der Effekt deutlich grösser (0,33), und wenn die Rückmeldung mit konkreten Hinweisen für das weitere Vorgehen verbunden war, erreichte sie eine mittlere Grössenordnung (0,49). Diese Gruppe verbesserte sich unter Rückmeldung mit annähernd doppelter Wahrscheinlichkeit und verschlechterte sich seltener.
Der Nutzen liegt also nicht darin, das Gelingen zu bestätigen. Er liegt darin, das Misslingen früh genug zu bemerken.
Und genau damit tun sich Behandler*innen erwiesenermassen schwer. Dieselbe Arbeit hält nüchtern fest, dass Klinikerinnen und Kliniker Verschlechterungen häufig nicht erkennen und schlecht darin sind, abzuschätzen, wie viel eine Behandlung am Ende bringen wird. Das ist kein Vorwurf an die Sorgfalt. Es ist die vorhersehbare Folge davon, dass jemand einen Menschen alle zwei Wochen für fünfzig Minuten sieht und den Rest aus dessen Bericht rekonstruieren muss.
Was ein Tracking konkret leistet
Aus dieser Befundlage ergeben sich vier Dinge, die ein regelmässiges Erfassen kann und die das Gespräch allein nicht kann.
Es macht die Richtung sichtbar. Einzelne Werte schwanken; eine Linie über zwölf Wochen zeigt einen Trend. Erst der Trend beantwortet die Frage, um die es geht.
Es trennt den schlechten Tag vom schlechten Verlauf. Wer wöchentlich misst, sieht, ob ein Einbruch ein Ausreisser war oder der Beginn einer Abwärtsbewegung. Im Gespräch am Stichtag sind beide nicht zu unterscheiden.
Es setzt einen Zeitpunkt für das Umsteuern. Der Nutzen des Messens entsteht dort, wo aus dem Befund eine Entscheidung folgt: Dosis anpassen, Verfahren wechseln, Begleitendes prüfen. Ein Verlauf, den niemand anschaut, ist eine Dokumentation, keine Steuerung.
Es gibt den Betroffenen etwas in die Hand. Wer über Wochen selbst einträgt, sieht die eigene Kurve — und damit auch die Verbesserung, die im Alltag untergeht, weil man sich an den neuen Zustand schneller gewöhnt, als man denkt.
Die HBImed-Therapie-Tracking-App ist für genau diesen Zweck gebaut: kurze, regelmässige Einträge der Betroffenen, daraus ein Verlauf, den die behandelnde Person vor der nächsten Sitzung zusammengefasst vorliegen hat. Die Auswertung ist an das übrige System angebunden, sodass der Verlauf neben Fragebogenergebnissen, Testleistung und Hirnfunktionsbefund steht statt daneben.
Nächste Kurzeinführung der HBImed-apps: 02.11.2026, 18:00-19:00 per zoom, link wird im Antwortschreiben nach der Anmeldung mitgeschickt.
Und die Hirnfunktion?
Der Gedanke liegt nahe, die Verlaufsmessung nicht allein auf Selbstauskunft zu stützen. Was sich messen lässt, lässt sich wiederholen: Ein Hirnfunktionsanalyse ist schnell erhoben (75 Min) und verlangt von der untersuchten Person nichts, was sie berichten müsste. Eine Verlaufsbeurteilung, die den klinischen Eindruck, die strukturierte Selbstauskunft und eine physiologische Messung nebeneinanderstellt, wäre belastbarer als jede der drei allein – weil jede der drei an einer anderen Stelle irren kann.

Das ist die Richtung, in die wir arbeiten. Es ist noch nicht der Stand. Für die Frage, ob sich behandlungsbedingte Veränderungen in elektrophysiologischen Kennzahlen zuverlässig abbilden – und ab welcher Grösse eine Veränderung mehr ist als die normale Schwankung zwischen zwei Messungen –, ist die Datenlage dünn. Wer heute einen EEG-Verlauf als Wirksamkeitsnachweis ausgibt, geht über das hinaus, was belegt ist.
Wie wir es in der Praxis handhaben
In unserer Praxis wiederholen wir die Hirnfunktionsanalyse in der Regel alle zwölf Monate. Der Abstand ist bewusst gewählt: gross genug, dass eine Behandlung Zeit hatte zu wirken, und klein genug, dass sich eine Veränderung noch einer bestimmten Behandlungsphase zuordnen lässt. So entsteht neben dem klinischen Eindruck eine zweite, wiederholbare Linie – eine, die nicht davon abhängt, wie jemand seinen Zustand am Tag der Untersuchung beschreibt.
Ihren Wert entfaltet diese Messung erst im Zusammenspiel mit dem Tracking. Die wöchentlichen Einträge zeigen, wie ein Jahr verlaufen ist – mit seinen Einbrüchen, Plateaus und Fortschritten. Die Hirnfunktionsanalyse zeigt, ob sich in diesem Jahr auch auf der Ebene der Hirnfunktion etwas verschoben hat. Wo beide in dieselbe Richtung weisen, wird die Beurteilung belastbarer. Wo sie auseinandergehen, ist das kein Widerspruch, sondern eine Frage, die man ohne die zweite Messung gar nicht hätte stellen können.
Wo Messen an Grenzen stösst
Drei Einschränkungen gehören dazu, sonst wird aus einem nützlichen Werkzeug ein Versprechen.
Gemessen wird, was das Instrument abfragt. Ein Fragebogen bildet ab, wofür er gebaut wurde. Was er nicht enthält — eine Nebenwirkung, eine veränderte Beziehung, ein neuer Konflikt —, taucht in der Kurve nicht auf, egal wie regelmässig gemessen wird.
Zahlen können das Gespräch verdrängen. Der Nutzen entsteht, wenn der Verlauf das Gespräch strukturiert. Er kehrt sich um, wenn die Kurve das Gespräch ersetzt.
Regelmässiges Ausfüllen ist eine Zumutung. Wöchentliche Einträge kosten die Betroffenen Aufmerksamkeit, und zwar dann, wenn es ihnen schlecht geht. Ein Instrument, das dafür zu lang ist, wird nicht ausgefüllt — und ein lückenhafter Verlauf ist irreführender als gar keiner, weil ausgerechnet die schlechten Wochen fehlen.
Und die Selbstverständlichkeit, die keine ist: Was Menschen über ihr Befinden eintragen, gehört zu den empfindlichsten Daten überhaupt. Wer solche Verläufe erhebt, schuldet Auskunft darüber, wo sie liegen, wer sie sieht und was mit Freitexten geschieht.
Die ehrliche Zusammenfassung ist unspektakulär. Regelmässiges Messen macht keine schlechte Therapie gut. Es sorgt dafür, dass eine Therapie, die nicht wirkt, früher als solche erkannt wird — und das ist, gemessen an dem, was eine verlorene Behandlungsphase kostet, kein kleiner Gewinn. Insbesonder nicht für die Patienten selbst
Quelle:
- Lambert, M. J.; Whipple, J. L.; Kleinstäuber, M. Collecting and delivering progress feedback: A meta-analysis of routine outcome monitoring. Psychotherapy, 2018, 55(4), 520–537.
