Eine neue Bachelorarbeit an der ZHAW prüft erstmals, ob sich Hochsensibilität in den ereigniskorrelierten Potenzialen des EEG abbildet. Das Ergebnis passt schlecht zum verbreiteten Bild vom permanent übererregten Nervensystem – und rückt stattdessen eine andere Grösse in den Mittelpunkt: die Vigilanz.
Das Bild vom Dauer-Alarm
Hochsensibilität – fachlich Sensory Processing Sensitivity (SPS) – gehört zu den Begriffen, die den Weg aus der Forschung in den Alltag geschafft haben. Etwa 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung weisen eine erhöhte Ausprägung auf: Sie nehmen feine Nuancen wahr, reagieren stärker auf sensorische Reize, verarbeiten Erlebtes tiefer – und neigen in reizintensiven Umgebungen zur Überstimulation.
Populär wird daraus schnell ein einfaches Bild: Das Nervensystem hochsensibler Menschen sei permanent hochgefahren, gewissermassen im Dauer-Alarm. Aus neurophysiologischer Sicht ist das eine Aussage über die Vigilanz – über jenes tonische Wachheits- und Aktivierungsniveau, das ein Gehirn hält, und über die Frage, wie stabil es dieses Niveau reguliert. Vigilanz ist keine Eigenschaft eines einzelnen Reizes, sondern der Hintergrund, vor dem jede Reizverarbeitung überhaupt stattfindet.
Diese Lesart macht eine überprüfbare Vorhersage: Wer dauerhaft höher gefahren ist, müsste auf Reize schon in der allerersten, rein sensorischen Verarbeitungsstufe stärker antworten. Genau das lässt sich mit dem EEG messen. Michelle Lade hat es in ihrer Bachelorarbeit an der ZHAW getan – und findet ein differenzierteres Muster.
Die Fragestellung
Theoretischer Ausgangspunkt ist das Rahmenkonzept des Predictive Processing. Greven und Kolleg:innen (2025) erklären Hochsensibilität darin über eine erhöhte Präzisionsgewichtung: Das Gehirn stuft sensorische Vorhersagefehler konsistent als besonders zuverlässig ein, weshalb selbst schwache Signale nach oben durchgereicht statt weggefiltert werden. Daraus leiten die Autor:innen eine klare neuronale Vorhersage ab – höhere Sensitivität sollte sich in verstärkten frühen EKP-Amplituden zeigen.

Geprüft wurde diese Vorhersage an Daten der Gehirn- und Traumastiftung Graubünden, erhoben nach den Untersuchungsbedingungen der Human-Brain-Index-Methode. Die Stichprobe umfasste 435 Erwachsene zwischen 18 und 40 Jahren (Durchschnitt 28.9 Jahre, 242 Frauen, 193 Männer) mit ausgeprägter ADHS-Symptomatik. Die Sensitivität wurde über eine 23-Item-Fassung der Highly Sensitive Person Scale erfasst (interne Konsistenz α = .86), die Hirnaktivität über ein 19-Kanal-EEG während des visuellen Konzentrationsverlaufstests (VCPT) – ausgewertet wurden die Potenziale auf den zweiten Reiz der NoGo-Bedingung, okzipital (O1, O2) und temporal (T5, T6). Gerechnet wurde mit partiellen Korrelationen unter Kontrolle des Geschlechts.
Die ADHS-Stichprobe ist dabei kein Zufall: Weil in dieser Population die Streuung sensorischer Verarbeitungsmerkmale besonders gross ist, lassen sich Zusammenhänge statistisch sensitiver prüfen als in einer unselektierten Allgemeinbevölkerung.
Drei Komponenten, drei Verarbeitungsstufen
Für das Verständnis der Befunde ist entscheidend, was die drei untersuchten Komponenten funktionell abbilden:
Die P1 (im vorliegenden Auswertungsfenster rund 80–110 ms nach Reizbeginn) gilt als überwiegend exogene Komponente. Ihre Amplitude hängt von den physikalischen Reizmerkmalen ab – und vom Erregungsniveau des sensorischen Systems. Sie ist damit die vigilanznächste der drei.
Die N1 (rund 130–170 ms) wird durch Aufmerksamkeitsprozesse moduliert. Hier werden Reizmerkmale analysiert und mit gespeicherten inneren Repräsentationen abgeglichen – Top-Down statt reiner Bottom-Up-Weiterleitung.
Die P2 (rund 205–250 ms) steht für die Kategorisierung und Bewertung eingehender Reize sowie für die Regulation aufgabenirrelevanter Stimuli.
Zwischen der ersten und der zweiten dieser Stufen verläuft die eigentlich interessante Trennlinie: erst Erregungsniveau, dann gerichtete Aufmerksamkeit.
Was gefunden wurde
Erstens fiel die P1 bei höherer Sensitivität kleiner aus – okzipital (r = –.09) wie temporal (r = –.10). Das ist exakt die Gegenrichtung zur theoretischen Vorhersage.
Zweitens fiel die N1 hypothesenkonform grösser (negativer) aus, konsistent über beide Regionen (jeweils r = –.11).
Drittens zeigte die explorativ untersuchte P2 einen kleineren Ausschlag über den temporalen Elektroden (r = –.11), während sich okzipital nichts zeigte.
Viertens replizierte sich der bekannte Geschlechtsunterschied im Selbstbericht deutlich: Frauen erzielten höhere Sensitivitätswerte als Männer (2.73 gegenüber 2.27, d = 0.81 – ein grosser Effekt). Die Zusammenhänge zwischen Sensitivität und Hirnaktivität unterschieden sich zwischen den Geschlechtern jedoch nicht.
Die Vigilanz-Lesart
Die Dissoziation zwischen P1 und N1 ist der eigentliche Befund dieser Arbeit – und sie lässt sich am sparsamsten über die Vigilanz erklären.
Wäre Hochsensibilität eine Sache des generell erhöhten Aktivierungsniveaus, müsste die vigilanznahe P1 mitwachsen. Sie tut das nicht, sie schrumpft. Was wächst, ist die Komponente eine Stufe später – jene, die von der Aufmerksamkeitssteuerung abhängt. Sensitivität zeigt sich hier also nicht als «mehr Strom im System», sondern als andere Verteilung: Das Gehirn hält kein höheres Niveau, es setzt das vorhandene gezielter ein.
Der P2-Befund fügt sich in dieselbe Linie. Ein kleinerer temporaler Ausschlag gilt als Hinweis auf eine effizientere Reizbewertung – wer früher genauer hinschaut, muss später weniger nachbewerten. Aufwand wird nach vorne verlagert, nicht insgesamt vermehrt.
Für die Praxis ist das eine Verschiebung mit Folgen. Reizoffenheit erscheint in diesen Daten als Regulationsstil, nicht als Erregungszustand. Wer hochsensibel ist, ist nach diesem Muster nicht chronisch überaktiviert, sondern arbeitet mit einer anderen Gewichtung zwischen ankommendem Signal und innerem Modell. Überstimulation wäre dann nicht die Folge eines permanent zu hohen Grundpegels, sondern der Preis einer sehr weit geöffneten Selektionsstufe in einer Umgebung, die zu viel gleichzeitig anbietet.
Bemerkenswert ist dabei die Konvergenz mit einer weiteren Arbeit aus dem Umfeld der Stiftung: Bei Chanson und Assmann (2026) unterschieden sich die Vigilanzparameter zwischen ADHS mit und ohne komorbide Depression nicht, während sich die Arousal-Werte deutlich unterschieden. In beiden Arbeiten verhält sich die Vigilanz also wie eine eigenständige Achse – nicht wie ein Stellvertreter für Symptomlast oder Merkmalsausprägung.
Eine wichtige Einschränkung gehört an dieser Stelle dazu: Die vorliegende Arbeit hat die Vigilanz nicht direkt gemessen. Sie ist eine EKP-Studie, keine Auswertung des Ruhe-EEG. Die Brücke zur Vigilanz führt über die gut belegte Abhängigkeit der P1-Amplitude vom Erregungsniveau des sensorischen Systems. Die hier vorgeschlagene Lesart ist damit hypothesengenerierend – prüfbar, aber noch nicht geprüft.
Was das für die Diagnostik heisst
Nüchtern betrachtet fallen die Zusammenhänge klein aus: r = –.09 bis –.11. Weder die N1- noch die P2-Amplitude taugt damit als diagnostischer Marker für Hochsensibilität; Einzelfallaussagen sind auf dieser Basis ausgeschlossen. Die Arbeit selbst formuliert das unmissverständlich.
Zwei Punkte bleiben trotzdem stehen. Zum einen zeigt sich Hochsensibilität überhaupt in messbaren Hirnpotenzialen – sie ist kein reines Selbstwahrnehmungsphänomen. Das ist ein Argument gegen die Bagatellisierung des Konzepts und, in gleicher Stärke, gegen seine Pathologisierung.
Zum anderen ist der Geschlechtsbefund praktisch relevant: Frauen berichten deutlich mehr Sensitivität, aber ihr Gehirn zeigt kein anderes Muster als das der Männer. Das spricht dafür, dass die Differenz im Antwortverhalten entsteht – Sensitivität ist in westlichen Kulturen für Männer negativ konnotiert. Wer mit Sensitivitätsfragebogen arbeitet, sollte einkalkulieren, dass Männer ihre Reizoffenheit im Selbstbericht systematisch tiefer angeben, als sie neurophysiologisch ausfällt.
Grenzen
Die Arbeit benennt ihre Einschränkungen sorgfältig. Untersucht wurden ausschliesslich Erwachsene mit ADHS-Merkmalen, ohne Kontrollgruppe – der negative P1-Befund könnte deshalb zumindest teilweise auf die bei ADHS beschriebene P1-Reduktion zurückgehen und nicht auf die Sensitivität. Das 19-Kanal-Setup erlaubt keine Quellenanalyse; die Unterscheidung okzipital/temporal beruht auf Skalp-Elektroden. Die eingesetzte 23-Item-Fassung der HSP-Skala weicht von der in der Forschung üblichen 27-Item-Version ab. Und die gefundenen Effekte liegen unterhalb der Grenze, die die Sensitivitätsanalyse für eine Teststärke von 80 Prozent verlangt hätte (r = .12) – Replikation ist keine Kür, sondern Voraussetzung.
Blick voraus
Der naheliegendste nächste Schritt wäre ein 2×2-Design, das Personen mit und ohne ADHS sowie mit tiefer und hoher Sensitivität direkt vergleicht – nur so lassen sich die Beiträge beider Konstrukte zur frühen visuellen Verarbeitung sauber trennen. Ebenso naheliegend, und für die hier vorgeschlagene Deutung entscheidend: die direkte Verknüpfung der EKP-Befunde mit Vigilanzparametern aus dem Ruhe-EEG. Erst dann liesse sich prüfen, ob die Sensitivität tatsächlich auf der Selektions- und nicht auf der Aktivierungsebene wirkt.
Wer tiefer in diese Verfahren einsteigen möchte: Der Biomarker Workshop 2026 der Gehirn- und Traumastiftung Graubünden greift genau diese Themen auf. Details und Anmeldung finden Sie unter Anmeldung.
Herzlichen Dank an Michelle Lade für eine Arbeit, die eine attraktive Hypothese ernst genug nimmt, um sie tatsächlich scheitern zu lassen – und aus dem Scheitern die interessantere Frage zu gewinnen.
Quelle: Lade, M. (2026). Sensory Processing Sensitivity: More Than Just a Feeling. Eine neurophysiologische Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Sensory Processing Sensitivity anhand visueller ereigniskorrelierter Potenziale (P1, N1 und P2). Bachelorarbeit, ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Departement Angewandte Psychologie. Referent: Dr. phil. Andreas Müller.
