Wie aus vielen Befunden eine verständliche Erklärung werden kann – und was unser Vier-Achsen-Modell dazu beitragen soll
2. November 2026 · @Andreas Müller
Der Bericht liegt auf dem Tisch: Unruhe, Wutausbrüche wegen Kleinigkeiten, grosse Mühe mit Veränderungen, auffällige Werte im Aufmerksamkeitstest, dazu Kennwerte aus der Hirnfunktionsanalyse. Dann fragt die Mutter: «Hängt das alles zusammen?»

Dr.med. Andrea Viertler, Kinder- und Jugendpsychiaterin hat sich intensiv mit dem Modell der Verdichtung auseinandergesetzt und wendet dieses in der eigenen Praxis an. Dr. Viertler praktiziert in Berlin. Sie referiert am Biomarker Workshop 2026 zu diesem Thema und der Anwendung bei ADHS, Autismus und PTBS.
Diese Frage hören wir in fast jeder Abklärung. Ein Bericht kann sorgfältig sein und sie trotzdem offenlassen. Er stellt Symptome neben Testwerte und Testwerte neben EEG-Befunde. Die Familie erhält viele genaue Einzelteile, aber noch keine Erklärung.
Aus dieser Erfahrung ist in der Praxis BrainARC-Ostschweiz das Vier-Achsen-Modell entstanden. Es soll helfen, viele Befunde auf wenige Vorgänge zurückzuführen. Bewiesen ist es noch nicht. Was es will und wo seine Grenzen liegen, erklärt dieser Beitrag.
Die Diagnose bleibt, kommt aber später
Eine Diagnose ordnet ein. Sie ist oft die Voraussetzung für Kostengutsprachen, schulische Massnahmen und Medikamente. Daran ändert das Modell nichts.
Warum bei einem Menschen gerade diese Schwierigkeiten gemeinsam auftreten, sagt sie aber kaum. Zwei Kinder mit derselben Diagnose können sehr verschieden funktionieren. Und ein Kind mit drei Diagnosen hat nicht unbedingt drei getrennte Probleme.
Deshalb fragen wir im Bericht zuerst, welche Vorgänge die Befunde erklären. Danach prüfen wir, welche Diagnose dazu passt und ob ihre Kriterien erfüllt sind.
Vier Bereiche und zwei Grössen, die alle betreffen
Das Modell verbindet zwei Forschungsansätze. Die Research Domain Criteria gliedern die Beobachtungen (Insel et al. 2010). Das Predictive Processing liefert die Erklärung: Das Gehirn bildet laufend Erwartungen und gleicht sie mit neuer Information ab (Clark 2013). Daraus ergeben sich vier Funktionsbereiche, die wir Achsen nennen.
| Achse | Worum es geht |
| Reizverarbeitung | Wie viel kommt an, und wie stark wird es gewichtet? |
| Selbststeuerung | Tragen Pläne und Abläufe, und lassen sie sich ändern, wenn sich die Lage ändert? |
| Emotionale Reagibilität | Wie deutet und reguliert jemand Körpersignale und Gefühle? |
| Soziale Wahrnehmung | Welche Vermutungen bildet jemand darüber, was in anderen und in ihm selbst vorgeht, und lassen sie sich korrigieren? |
Für die soziale Wahrnehmung stützen wir uns auf die Mentalisierungsforschung (Luyten et al. 2020). Zwei weitere Grössen wirken auf alle vier Bereiche.
Wachheit und Aktivierung. Die Fachsprache nennt das Arousal. Wir lesen es zuerst, weil es alles zugleich verschieben kann. Ein Beispiel: Ein Kind kann im Alltag vor allem unruhig wirken und im langen, reizarmen Test zunehmend Aufgaben auslassen. Nach dem Vigilanzmodell von Hegerl und Hensch (2014) hält die Bewegung ein untererregtes Gehirn wach. Fällt sie weg, sinkt die Wachheit. Das ist eine Deutung, die im Einzelfall geprüft werden muss.
Das Umfeld. Selbststeuerung und Gefühlsregulation entstehen und halten sich in Beziehungen. Auch Bilder wirken: Wer in Familie oder Schule als «das schwierige Kind» gilt, wird oft noch so behandelt, wenn sich längst etwas verändert hat. Darum zählen Elternarbeit und Schule im Modell nicht als Beigabe, sondern als gleichwertige Ansatzpunkte.
Drei Fragen an jeden Bereich
Stellen Sie sich jede Achse als Kamera vor. An jede stellen wir dieselben drei Fragen.
- Wie scharf ist das Bild? Das meint, wie sicher sich das Gehirn in diesem Bereich gerade ist. Scharf heisst nicht richtig: Jemand kann sehr sicher wissen, was andere denken, und sich trotzdem täuschen.
- Wie rasch stellt der Autofokus nach? Das meint, wie stark neue Erfahrung das bisherige Bild verändert. Zu langsam ist ebenso ein Problem wie zu schnell.
- Wie viel Strom braucht die Kamera? Das meint den Aufwand, den jemand für diese Leistung einsetzt. Ein Bild kann scharf sein, und der Akku ist trotzdem nach kurzer Zeit leer. Die Unterscheidung von eingesetzter Kontrolle und ihren Kosten lehnt sich an Shenhav et al. (2013) an.
Aus den ersten beiden Fragen ergeben sich vier typische Muster:
| Anpassung langsam | Anpassung rasch | |
| Bild scharf | Starres Festhalten: Abläufe oder Annahmen bleiben bestehen, auch wenn sich die Lage geändert hat. | Überreaktion: Jeder neue Eindruck verändert den Zustand stark, etwa bei hoher Reizempfindlichkeit. |
| Bild unscharf | Vom stärksten Reiz gesteuert: Pläne tragen wenig, und aus Erfahrung wird nur langsam gelernt. | Ständiges Umschalten: Jede neue Information wird übernommen, aber nichts baut sich auf. |
Der hohe Aufwand liegt quer dazu. Er kann allein auftreten oder ein anderes Muster begleiten und verdecken.

Diese Muster sind keine Menschentypen. Ein Kind kann in der Schule starr reagieren, zu Hause flexibel sein und unter Belastung hin- und herkippen. Deshalb beschreibt der Bericht immer auch, in welchen Situationen ein Muster auftritt und wann es sich lockert.
Ein Beispiel: Test gut, Abend vorbei
Lena ist erfunden, das Bild aber typisch. Die 15-Jährige hat gute Noten und ist nach jedem Schultag erschöpft. Zu Hause genügt dann eine Kleinigkeit für einen Streit. Es besteht der Verdacht auf ein ADHS, doch der Aufmerksamkeitstest fällt zunächst gut aus. Erst gegen Ende der langen Aufgabe lässt ihre Leistung nach.
Nimmt man nur den Gesamtwert, wäre die Sache schnell erledigt: Test unauffällig, also kein Problem. Mit den drei Fragen sieht das Bild anders aus. Die Schärfe stimmt, der Stromverbrauch ist zu hoch. Dazu passen ihr Bericht, die Beobachtung der Eltern und der Leistungsabfall unter Dauerlast. Einzelne Kennwerte der Hirnfunktionsanalyse können dazu passen, bewiesen ist damit aber nichts.
Im Gespräch sagen wir dann etwa: «Wir verstehen das derzeit so, dass Lena mit viel Kraft ausgleicht, was andere weniger kostet.» Daraus folgt zuerst Entlastung: mehr Erholung, besserer Schlaf, einfachere Strategien. Noch mehr Konzentrationstraining wäre hier vermutlich die falsche Richtung.
Ob zusätzlich ein ADHS vorliegt, wird davon getrennt nach den Kriterien geprüft. Ist es gesichert, kommt eine Medikation nach Leitlinie in Betracht. Fehlt die Diagnose, ist Erschöpfung kein Grund für ein Stimulans.
Was sich dadurch ändern soll
Die Sprache. Fachbegriffe wie Präzision oder Update-Rate gehören nicht in den Bericht. Statt «Die Selbststeuerung ist rigide» schreiben wir etwa: «In unvorhersehbaren Situationen fällt es dem Kind schwer, vertraute Abläufe zu verändern. Wenn Veränderungen angekündigt werden und es sich sicher fühlt, gelingt das deutlich besser.» So bleibt sichtbar, dass sich etwas verändern kann. Auch die Sicht der Betroffenen und ihre Stärken gehören in den Bericht.
Die Reihenfolge. Wenn ein untererregtes Kind zugleich starr an Abläufen festhält, widersprechen sich die Empfehlungen: Das eine verlangt Struktur, das andere Veränderung. Wir schlagen vor, zuerst Wachheit und Alltag zu stabilisieren und dann schrittweise Veränderung zu üben. Das lässt sich überprüfen: Geht das Festhalten mit der Stabilisierung zurück, war es vermutlich ein Ausgleich. Bleibt es, braucht es eine eigene Behandlung.

Bei Jugendlichen, die unter Anspannung feindselige Absichten sehen und in ruhigen Momenten einfühlsam sind, gilt Ähnliches: Erst muss die Anspannung sinken. Dann kann die Arbeit an anderen Erklärungen wirken.
Die Medikamente nicht. Ihre Indikation folgt weiterhin der Diagnose und dem ärztlichen Urteil. Das Modell begründet weder eine Medikation ohne Diagnose noch die Wahl einer bestimmten Substanz.
Regeln gegen die allzu schöne Erklärung
Eine gute Geschichte überzeugt auch dann, wenn sie falsch ist. Deshalb gelten feste Regeln.
- Ein Bereich gilt nur als betroffen, wenn Befunde aus mindestens zwei verschiedenen Quellen dafür sprechen. Eine davon muss klinisch sein: Gespräch, Fragebogen oder Test.
- Die Hirnfunktionsanalyse allein genügt nie. Ein auffälliger Wert belegt eine Abweichung von der Altersnorm, aber noch nicht ihre Bedeutung.
- Was sich nicht einordnen lässt, bleibt offen und steht auch so im Bericht.
- Für eine Autismus-Diagnose bleiben ADOS-2 und ADI-R der Goldstandard. Das Modell ersetzt sie nicht.
Die Praxis hat das Modell bereits korrigiert. Wir haben es zwischen Mai und Juli 2026 in 83 Berichten angewandt. Die soziale Wahrnehmung kam dabei kein einziges Mal als betroffener Bereich vor. Fast alle Berichte betrafen Kinder und Jugendliche, und für jüngere Kinder fehlt ein geprüftes Instrument. Trotzdem war auch unsere Regel zu eng, und wir haben sie geändert. Ob die neue Regel besser ist, muss sich an anderen Fällen zeigen.
Was dieser Text nicht zeigt
Das Vier-Achsen-Modell ist ein Vorschlag aus der Praxis und kein validiertes Verfahren. Die 83 Berichte zeigen, dass es sich anwenden lässt und wo es Lücken hat. Sie stammen aus einem einzigen Zentrum. Eine unabhängige Zweitbeurteilung steht noch aus.
Offen ist vor allem die wichtigste Frage: Führt das Modell zu besseren Entscheidungen als eine sorgfältige herkömmliche Beurteilung? Für den ersten Behandlungsschritt käme diese oft zum selben Vorgehen. Die neurophysiologischen Bezüge und die empfohlenen Reihenfolgen sind prüfbare Hypothesen. Das Modell eignet sich auch nicht zur Selbstdiagnose.
Das zugehörige Fachmanuskript ist in Vorbereitung und noch nicht begutachtet.
Mehr dazu am 10. Dezember
Zwei der Fragen führen direkt zum Biomarker Workshop 2026: Wie viel kommt an, und was kostet es? Sensitivität und Stress als verbindende Dimensionen bei ADHS, Autismus und PTBS stehen am 10. Dezember 2026 an der Paulus Akademie in Zürich im Zentrum. Der Workshop richtet sich an Fachpersonen; die Teilnahme ist vor Ort oder online möglich.
Quellen
- Clark, A. (2013): Whatever next? Predictive brains, situated agents, and the future of cognitive science. Behavioral and Brain Sciences 36(3), 181–204. DOI 10.1017/S0140525X12000477
- Hegerl, U.; Hensch, T. (2014): The vigilance regulation model of affective disorders and ADHD. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 44, 45–57. DOI 10.1016/j.neubiorev.2012.10.008
- Insel, T. et al. (2010): Research Domain Criteria (RDoC): toward a new classification framework for research on mental disorders. American Journal of Psychiatry 167(7), 748–751. DOI 10.1176/appi.ajp.2010.09091379
- Luyten, P.; Campbell, C.; Allison, E.; Fonagy, P. (2020): The mentalizing approach to psychopathology: state of the art and future directions. Annual Review of Clinical Psychology 16, 297–325. DOI 10.1146/annurev-clinpsy-071919-015355
- Shenhav, A.; Botvinick, M. M.; Cohen, J. D. (2013): The expected value of control: an integrative theory of anterior cingulate cortex function. Neuron 79(2), 217–240. DOI 10.1016/j.neuron.2013.07.007
