Warum Sensitivität und Stress quer zu den Diagnosen liegen — und was der Biomarker-Workshop im Dezember daran prüfen will

In einem Porträt, das dieser Tage in einem Schweizer Onlinemagazin erschienen ist, erzählt eine junge Frau von ihrem Alltag mit Autismus. Sie trägt fast immer Kopfhörer. Nicht, um Musik zu hören — sondern um den Lärm so weit herunterzuregeln, dass Arbeiten möglich wird.

Wer das liest, sieht ein Hilfsmittel. Wer genauer hinsieht, sieht eine Rechnung.

Die Kopfhörer sind keine Marotte und kein Zubehör. Sie sind das sichtbare Ende einer Kalkulation, die jeden Tag neu aufgeht oder nicht aufgeht: Wie viel kommt ungefiltert an, wie viel Kraft kostet es, trotzdem zu funktionieren, und bleibt am Abend genug übrig, um am nächsten Morgen wieder bei null zu beginnen? Diese Rechnung machen Menschen mit sehr unterschiedlichen Diagnosen — und manche ohne jede Diagnose.

Genau darum geht es beim Biomarker-Workshop am 10. Dezember in Zürich.

Zwei Dimensionen, die in keinem Diagnosemanual stehen

Die Diagnosen ADHS, Autismus-Spektrum-Störung und posttraumatische Belastungsstörung haben verschiedene Entstehungsgeschichten, verschiedene Leitlinien und verschiedene Behandlungspfade. Was sie in der Sprechstunde aber immer wieder verbindet, sind zwei Beschreibungen, die quer zu ihnen liegen.

Die erste ist Sensitivität: wie viel von der Umgebung ungefiltert ankommt. Licht, das zu hell ist. Geräusche, die nicht in den Hintergrund treten. Und die seltener beachtete Kehrseite — Reize, die gar nicht ankommen, ein Schmerz, der spät bemerkt wird.

Die zweite ist Stress: nicht das einzelne belastende Ereignis, sondern die Frage, ob die Belastung zwischendurch wieder abfällt. Wo sie das nicht tut, beginnt der nächste Tag ein Stück höher, und irgendwann genügt eine Kleinigkeit, damit etwas kippt. Von aussen sieht das aus wie eine masslose Überreaktion. Es ist die Summe des Tages, an ihrem letzten Punkt sichtbar geworden.

Beide Beschreibungen sind keine Diagnosen. Sie sind Eigenschaften, die jeder Mensch hat — in sehr unterschiedlicher Ausprägung. Und hier liegt der Punkt, der die Workshop-Frage trägt: Zwei Menschen mit derselben Diagnose können auf diesen beiden Dimensionen weiter auseinanderliegen als zwei Menschen mit verschiedenen Diagnosen.

Wer also die Kategorie kennt, weiss noch nicht, womit er es zu tun hat.

Warum das kein akademischer Streit ist

Für die Behandlung macht es einen erheblichen Unterschied, ob jemand eine hohe Reizlast mit guter Erholungsfähigkeit trägt oder eine mittlere Reizlast ohne jede Erholung. Im ersten Fall hilft, was den einzelnen Reiz dämpft. Im zweiten Fall hilft das nicht — dort muss die Erholung in den Tag, sonst ist jede Reizdämpfung nur Aufschub.

Die kategoriale Diagnostik gibt diese Unterscheidung nicht her. Sie beantwortet eine Ja-Nein-Frage und schweigt zu allem, was danach zu entscheiden ist. Das ist keine Kritik an den Leitlinien: Eine Diagnose ist für vieles die Voraussetzung — für Kostengutsprachen, für schulische Massnahmen, für den Zugang zu Behandlung. Sie ist nur kein Behandlungsplan.

Dass Reizempfindlichkeit und psychische Belastung eng zusammenhängen, ist einer der stabileren Befunde in diesem Feld; eine Metaanalyse über 64 Studien fand für Überempfindlichkeit mittlere bis grosse Zusammenhänge mit Angst und Depression, für verminderte Empfindlichkeit deutlich schwächere (Chen et al. 2024). Was daraus nicht folgt, ist die Richtung: Ob die Empfindlichkeit die Angst erzeugt, die Angst die Wahrnehmung schärft oder beides sich gegenseitig verstärkt, ist mit Querschnittsdaten nicht zu entscheiden.

Gut belegt ist ein anderer, sehr praktischer Zusammenhang: Vorhersagbarkeit. In einer Untersuchung an 64 autistischen und 85 typisch entwickelten Kindern erklärten Intoleranz von Ungewissheit und Ängstlichkeit gemeinsam rund die Hälfte der Unterschiede in der sensorischen Empfindlichkeit der autistischen Kinder — bei den typisch entwickelten Kindern war es weniger als ein Fünftel (Neil et al. 2016). Ein angekündigter Lärm ist ein anderer Lärm als ein unangekündigter.

Was sich messen lässt — und was noch nicht

Hier beginnt die Arbeit, zu der eine Stiftung wie die unsere etwas beitragen kann. Wenn Sensitivität und Stress die beiden Dimensionen sind, auf denen sich Menschen unterscheiden, dann stellt sich die Frage, ob man sie messen kann, statt sie nur zu erfragen.

Die ehrliche Zwischenbilanz: teilweise, und nicht dort, wo man zuerst gesucht hat. Eine systematische Übersicht über 31 Studien zu Cortisol bei Autismus fand ein uneinheitliches Bild — erhöhte, abgeschwächte und unauffällige Stressreaktionen nebeneinander. Bemerkenswert daran ist ein Nebenbefund: Das subjektiv berichtete Stressniveau lag deutlich höher, als es sich in den biologischen Massen abbildete (van der Linden et al. 2022). Entweder ist Cortisol das falsche Mass für diese Art von Dauerbelastung, oder die untersuchten Gruppen waren zu gemischt, um ein Signal zu zeigen. Beides spricht dafür, näher an der Verarbeitung selbst zu messen statt an ihrer hormonellen Folge.

Ein Hinweis in diese Richtung stammt aus unserer Arbeit mit der Universität Skopje: Zur Unterscheidung autistischer und typisch entwickelter Kinder trugen jene EEG-Kanäle am stärksten bei, die über Arealen der visuellen Verarbeitung liegen (Tenev et al. 2025). Das ist ein Fingerzeig auf die sensorische Seite — und ausdrücklich kein Beleg dafür, dass sich die hier beschriebene Belastungskette im EEG abbilden lässt. Die beiden Fragen liegen nebeneinander, sie sind nicht dieselbe.

Was am 10. Dezember zur Diskussion steht

Der Biomarker-Workshop 2026 stellt ADHS, Autismus und PTBS bewusst nebeneinander und fragt, was übrig bleibt, wenn man die Kategorien einen Moment beiseitelegt und stattdessen beschreibt, wie empfindlich ein System ist und wie es sich reguliert. Die Keynote halten Tony Attwood und Michelle Garnett.

Tony Attwood, Michelle Garnett

Das ist keine Abschaffung der Diagnose. Es ist der Versuch, neben sie etwas zu stellen, das die Diagnose nicht leisten kann: eine Beschreibung des einzelnen Menschen, die messbar ist und sich wiederholen lässt.

Und es ist, zurück zum Anfang, der Versuch, die Kopfhörer richtig zu lesen. Nicht als Auffälligkeit, die man wegtherapiert, sondern als Information darüber, wie viel dieser Mensch gerade trägt.

Was dieser Text nicht zeigt

Dass Sensitivität und Stress sich als zwei Dimensionen quer zu den Diagnosen beschreiben lassen, ist ein tragfähiges Arbeitsmodell — kein nachgewiesener Mechanismus. Dass die Phänomene überlappen, heisst nicht, dass ihnen dieselbe Ursache zugrunde liegt; es kann ebenso gut sein, dass verschiedene Wege zu einem ähnlichen Erscheinungsbild führen.

Für keine der beiden Dimensionen existiert heute ein Messwert, der im Einzelfall diagnostisch trägt. Was es gibt, sind Gruppenunterschiede mit überlappenden Verteilungen — und die Aufgabe, aus ihnen etwas zu machen, das für eine einzelne Person gilt. Genau dieser Schritt steht aus.

Quellen

  • Chen, Y. et al. (2024): A systematic review and meta-analysis of the relationship between sensory processing differences and internalising/externalising problems in autism. Clinical Psychology Review. DOI 10.1016/j.cpr.2024.102516
  • Neil, L.; Choque Olsson, N.; Pellicano, E. (2016): The Relationship Between Intolerance of Uncertainty, Sensory Sensitivities, and Anxiety in Autistic and Typically Developing Children. Journal of Autism and Developmental Disorders. DOI 10.1007/s10803-016-2721-9
  • Tenev, A.; Markovska-Simoska, S.; Müller, A.; Mishkovski, I. (2025): Entropy and Complexity in QEEG Reveal Visual Processing Signatures in Autism. Brain Sciences 15(9), 951.
  • van der Linden, K.; Simons, C.; van Amelsvoort, T.; Marcelis, M. (2022): Emotional stress, cortisol response, and cortisol rhythm in autism spectrum disorders: A systematic review. Research in Autism Spectrum Disorders 98, 102039. DOI 10.1016/j.rasd.2022.102039