Nov 1, 2026 · @Andreas Müller
Steinzeit-Hirn im Digitalzeitalter: Was ADHS, Autismus, Trauma und Sensitivität mit unserer Herkunft zu tun haben
Ein Einblick in das Behandlungskonzept von Bettina Henkel – Vorgeschmack auf den Biomarker Workshop 2026 am 10. Dezember in Zürich

«Ist ADHS eine Krankheit?» Diese Frage stellt Bettina Henkel, Neurologin und Psychiaterin/Psychotherapeutin, ihren Patientinnen und Patienten regelmässig. Die meisten zögern. Ihre eigene Antwort ist überraschend: Nicht per se. ADHS- und autistische Anteile versteht sie als Spektrumsbegabungen – genetisch angelegt wie Augen- oder Haarfarbe. Behandlungsbedürftig wird etwas erst, wenn es Leiden verursacht.
In einem ausführlichen Gespräch mit der GTSG hat sie erläutert, wie sie Menschen hilft, sich selbst besser zu verstehen. Sie betont dabei selbst: Vieles ist bewusst vereinfacht. Es geht um ein Denkmodell, das Patienten Orientierung gibt – nicht um eine fertige Theorie.
Vom Diabetes lernen
Um zu erklären, wie psychisches Leiden entsteht, greift Henkel zu einem Bild, das alle kennen: Diabetes Typ 2. Es braucht eine genetische Bereitschaft und eine Belastung von aussen. Wer die Veranlagung hat und sich ein Leben lang von Sahnetorte ernährt, erkrankt eher als jemand mit Vollkornbrot. Manche bleiben trotz Sahnetorte gesund, andere erkranken nach wenigen Stücken.
Genauso, sagt Henkel, funktionieren die Regelkreise im Gehirn. Wer wenig Spielraum hat, kann schon durch Kleinigkeiten aus dem Gleichgewicht geraten. In der Forschung ist dieses Prinzip als Vulnerabilitäts-Stress-Modell bekannt. Und wie beim Diabetes gilt für die Behandlung: zuerst Belastungen erkennen und reduzieren, dann – wenn nötig – Hilfsmittel wie Medikamente dazunehmen.
Zwei Arten zu denken
Besonders eindrücklich ist Henkels Beschreibung zweier Denkstile. Das ADHS-geprägte Gehirn denkt in Analogien: «Das kenne ich schon, also wird es so ausgehen.» Das ist schnell und spart Energie, ist aber fehleranfällig. Das autistisch geprägte Gehirn verarbeitet jede Situation gründlich neu. Das kostet Zeit und Kraft, ist dafür genauer.
Aus dieser Sicht wird manches verständlich. Wer jeden Blick neu deuten muss, schaut lieber weg – nicht aus Desinteresse, sondern weil die Verarbeitung zu viel Energie kostet. Und wer jede neue Situation gründlich prüfen muss, empfindet Veränderung als anstrengend. Die Forschung zur «prädiktiven Verarbeitung» beim Autismus beschreibt Ähnliches: Abweichungen vom Erwarteten werden besonders stark gewichtet.
Für die Steinzeit gemacht
Unsere Gene, so Henkel, sind auf ein Leben optimiert, das Homo sapiens den allergrössten Teil seiner Geschichte geführt hat: als Jäger und Sammler. Tagsüber in Bewegung, nachts in Ruhe, in einer Gruppe, die viele verschiedene Begabungen brauchte. Das Spektrum dessen, was als «normal» galt, war breiter.

Dann veränderte sich die Welt in Schüben. Die Landwirtschaft forderte vor allem Immunsystem und Ernährung heraus. Die Industrialisierung verlangte Stillsitzen und Daueraufmerksamkeit – nicht zufällig ist der «Zappelphilipp» aus dem Struwwelpeter ein Kind aus gutem Hause am Esstisch, kein Bauernkind auf dem Feld. Und die digitale Revolution bringt eine Reizdichte, auf die unser Nervensystem nicht vorbereitet ist. Je enger die Gesellschaft das Spektrum fasst, desto mehr Menschen am Rand werden als krank bezeichnet. Diese «Mismatch»-Idee wird auch in der Wissenschaft diskutiert, ist aber umstritten.
Sensitivität: die unterschätzte Dimension
Neben ADHS- und Autismus-Anteilen bringt Henkel eine dritte Dimension ins Spiel: die Sensitivität. Sie bestimmt, wie viel wir von unserer Umwelt aufnehmen und was es mit uns macht. Sie ist zum Teil angeboren, aber anders als die beiden anderen Anteile nach Henkels Erfahrung veränderbar. Belastende Erfahrungen und Traumata steigern sie, gute Erfahrungen können sie wieder senken.
Die Forschung kennt verwandte Konzepte, etwa die «Sensory Processing Sensitivity» oder die Beobachtung, dass empfindsamere Menschen stärker auf schlechte, aber auch auf gute Umwelten reagieren. Für Henkel liegt hier der wichtigste Ansatzpunkt der Therapie.
Trauma: wenn Reize die Integrität verletzen
Henkel fasst den Traumabegriff bewusst weit: Traumatisierend ist jeder Reiz, der einen Menschen in seiner Integrität stört. Das ist nicht inflationär gemeint, sondern individuell. Wer von Haus aus sensibler ist, erlebt mehr Reize als unangenehm und ist damit leichter zu verletzen. Neben belastenden Erlebnissen zählt sie auch körperliche Ereignisse dazu: Nach Infekten wie Covid oder beim chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS) beobachtet sie, wie die Sensitivität sprunghaft ansteigt.
Beide Denkstile machen auf ihre Weise verletzlich. Das ADHS-geprägte Gehirn zieht seinen Analogschluss manchmal zu schnell – geht das schief, kann das traumatisieren. Das autistisch geprägte Gehirn braucht lange, um eine Situation zu erfassen, und ist in dieser Phase ungeschützt. Henkel erzählt von einer Mutter, die ihren autistischen Sohn im Supermarkt nie aus den Augen lässt: Er würde wohl nicht rechtzeitig schreien, wenn ihn jemand mitnähme – weil er die Lage zuerst verstehen muss.
Trauma ist im Modell damit doppelt wichtig: als Folgeleiden, für das ADHS- und autistische Anteile ein Risikofaktor sind, und als Kraft, die die Sensitivität dauerhaft hochfährt. Genau dort setzt die Behandlung an. Die Grundbegabung lässt sich nicht ändern, die Sensitivität schon. Darum trennt Henkel in ihrer rund zweistündigen Erstanamnese sorgfältig, was jemand mitbringt und welche «Beschädigungen on top» dazugekommen sind.
Wie das im Gehirn aussehen kann, zeigen Studien zu posttraumatischen Belastungsstörungen: Viele Betroffene haben im Ruhe-EEG auffällig wenig Alpha-Aktivität – ein Zeichen anhaltender Übererregung. Der naheliegende Rat «Entspannen Sie sich» hilft ihnen oft wenig.
Stress: Alarm im Dauerbetrieb
Stress ist in Henkels Modell die «Belastung von aussen» – das zweite Glied der Diabetes-Formel. Wie viel davon jemand verträgt, hängt von seiner Anlage ab. Wer nahe an der Grenze des Wohlfühlens lebt, für den reicht manchmal ein schiefer Blick. Andere halten Katastrophen aus, ohne zu erkranken.
Warum moderne Belastung so viel Kraft kostet, erklärt sie mit dem Steinzeit-Erbe: Unser Nervensystem bewertet jeden Reiz zuerst nach dem Prinzip «gefährlich oder nicht». Erst danach gewöhnt es sich. In einer Welt mit wenigen Reizen war das sinnvoll. Heute, bei Lärm, Bildschirmen und ständiger Erreichbarkeit, wird daraus ein Dauerbetrieb – für Henkel eine «riesige Energieverschwendung».
Besonders tückisch ist das für Menschen mit niedrigem Grundarousal. Sie suchen Reize, oft ohne Ende, spüren aber nicht rechtzeitig, wann es zu viel wird. Einen solchen Warnpunkt, sagt Henkel, hat unser Gehirn nie gebraucht – es gab schlicht nicht so viele Reize. Chronischer Stress wirkt dabei wie Trauma: Er treibt die Sensitivität nach oben, und eine erhöhte Sensitivität macht jeden weiteren Reiz anstrengender. Stress und Sensitivität verstärken sich so gegenseitig.
Die Konsequenz ist für Henkel nicht, die Schuld bei der Gesellschaft abzuladen. «Wir sind selber die Gesellschaft», sagt sie. Es geht darum, die eigenen Belastungen zu erkennen und bewusst zu regulieren – mit Achtsamkeit dafür, was einem guttut und was nicht.
Steinzeit nachspielen
Was folgt daraus für den Alltag? Henkels Empfehlung klingt einfach: täglich ein Stück Steinzeit nachspielen. Tagsüber kräftige Bewegung, nachts echte Ruhe ohne Reize. Unser Sinnessystem lässt sich nicht abschalten – es kommt nur zur Ruhe, wenn nichts zu verarbeiten ist.
Für Menschen mit hoher Anspannung, etwa nach Traumatisierung, gilt: Manchmal ist der bessere Weg, sie zuerst zu aktivieren – etwa durch Sport – und dann loszulassen. Neurofeedback-Studien bei posttraumatischen Belastungsstörungen zeigen ein verwandtes Phänomen: Nach gezielter Unterdrückung des Alpha-Rhythmus kann dieser anschliessend zurückkehren, begleitet von weniger Anspannung.
Medikamente als Prophylaxe
Und die Medikamente? Henkel vergleicht sie mit einem Cholesterinsenker. Hohes Cholesterin war in der Steinzeit ein Überlebensvorteil, heute ist es ein Risikofaktor. Niemand wartet auf den Herzinfarkt, um zu handeln. Ähnlich sieht sie ADHS- oder autistische Anteile: keine Krankheit, aber ein Risiko für Folgeleiden wie Depression, Traumafolgestörungen oder Sucht. Medikamente können helfen, diese zu verhindern – ergänzend zur Selbstregulation, nie als Ersatz. Und immer mit offenem Blick auf Nebenwirkungen: «Ich kann Ihnen nichts ohne Nebenwirkungen versprechen.» Die Entscheidung liegt bei den Patientinnen und Patienten.
Mehr im Workshop
Sensitivität und Stress als verbindende Dimensionen über ADHS, Autismus und PTBS hinweg – genau darum geht es am Biomarker Workshop 2026 – ADHS · Autismus · PTBS · Sensitivität am Donnerstag, 10. Dezember 2026, in der Paulus Akademie Zürich. Bettina Henkel ist als Referentin dabei. Gemeinsam mit ihr fragen wir: Wie lässt sich die eigene Grundbegabung erkennen? Welche Rolle spielt Sensitivität in Diagnostik und Therapie? Und wie bringen wir ein Steinzeit-Hirn gut durch das Digitalzeitalter? Der Workshop richtet sich an Fachpersonen; Teilnahme vor Ort oder online via Zoom.
