
Am Anfang einer Abklärung steht fast immer ein Fragebogen. Eltern kreuzen an, wie oft ihr Kind den Faden verliert. Lehrpersonen schätzen ein, wie lange es bei einer Aufgabe bleibt. Erwachsene beantworten, wie sehr Lärm sie belastet. Am Ende steht eine Zahl — und neben der Zahl ein Strich: der Schwellenwert. Darüber heisst auffällig, darunter unauffällig.
Diese Rechnung hat ihren Sinn. Ein Schwellenwert macht Ergebnisse vergleichbar, er lässt sich dokumentieren, und er zwingt zu einer Entscheidung, wo sonst Eindrücke stünden. Nur beantwortet er genau eine Frage: ja oder nein. Für das, was in einer Abklärung danach zu tun ist, reicht das selten.
Zwei Kinder, derselbe Wert
Stellen Sie sich zwei Kinder vor, die auf denselben Gesamtwert kommen, beide knapp unter der Schwelle. Das eine verliert ständig den Anschluss und reagiert heftig auf Geräusche, bleibt aber ruhig sitzen. Das andere ist aufmerksam, kann sich aber kaum bremsen und redet dazwischen. Der Summenwert verrechnet diese Unterschiede miteinander: Hohe Werte im einen Bereich werden durch niedrige im anderen ausgeglichen. Was übrig bleibt, ist eine Zahl, die auf beide passt und keinem der beiden Kinder gerecht wird.
Beide Familien bekommen dieselbe Auskunft: unauffällig. Und beide Familien stehen danach vor derselben Frage wie vorher.
Was ein Profil zeigt
Ein normiertes Profil geht den umgekehrten Weg. Es rechnet die Bereiche nicht zusammen, sondern hält sie auseinander und ordnet jeden einzeln ein — an einer Vergleichsgruppe, die zum Alter der Person passt. Das Ergebnis ist keine Zahl, sondern ein Muster: Wo liegt diese Person im Vergleich zu vielen anderen, und wo nicht?
Aus dem Muster wird ablesbar, was eine Schwelle verschweigt. Welcher Bereich trägt die Belastung? Passen Elternurteil und Lehrerurteil zusammen, oder zeigt das Kind zu Hause ein anderes Bild als in der Schule? Und, für die weitere Abklärung am wichtigsten: Wo lohnt sich das genaue Nachfragen?
Warum die Vergleichsgruppe dabei alles entscheidet — und warum «normal» nicht «gesund» heisst —, haben wir an anderer Stelle ausführlicher beschrieben. Dass Diagnosen ohnehin weniger scharf getrennt sind, als ihre Namen vermuten lassen, ebenfalls: Die Dimension unter den Diagnosen.
Drei Dinge, die ein Profil nicht ist
Es ist keine Diagnose. Ein Profil beschreibt eine Lage im Vergleich zu anderen. Was diese Lage bedeutet, entscheidet eine Fachperson, die Anamnese, Verhalten, Testleistung und Befunde zusammenbringt.
Es ist nicht vor Zufall gefeit. Wer viele Skalen misst, findet bei fast jedem Menschen irgendwo einen Ausreisser. Erst ein zusammenhängendes Muster trägt eine Aussage — ein einzelner Extremwert trägt sie nicht.
Es bleibt eine Auskunft über Wahrnehmung. Ein Fragebogen misst, was Betroffene und Bezugspersonen berichten. Das ist wertvoll und begrenzt zugleich. Deshalb stehen daneben Leistungstests und die Hirnfunktionsanalyse — drei Zugänge, die sich gegenseitig prüfen.
Warum das im Alltag trotzdem selten gemacht wird

Der Grund ist unromantisch: Zeit. Von Hand kostet ein einziger Fragebogen in unserer Praxis rund zehn Minuten für das Vorbereiten und Austeilen, fünf Minuten für die Kontrolle des Rücklaufs und zwanzig bis vierzig Minuten für das Auswerten und Übertragen. Macht 35 bis 55 Minuten — pro Fragebogen, pro Person. Das sind Angaben aus der eigenen Praxis, keine Studienwerte; jede Fachperson kann die Rechnung an ihrem eigenen Betrieb prüfen.
Diese Zeit fliesst nicht in die Beurteilung, sondern in die Verwaltung. Wer mehrere Instrumente einsetzen möchte — und ein Profil braucht mehrere —, rechnet schnell mit einem halben Arbeitstag, bevor überhaupt jemand im Sprechzimmer sitzt. Dann fällt die Wahl eben doch auf den einen kurzen Bogen mit dem einen Schwellenwert.
Genau hier setzt die HBImed Fragebogen-App an. Die Bögen werden digital verschickt, die Betroffenen füllen sie zu Hause aus, die Auswertung erfolgt automatisch und normiert. Heute stehen 50 lizenzierte, klinisch etablierte Instrumente zur Verfügung, 25 weitere sind in Arbeit. Die Ergebnisse lassen sich mit Testleistung und Hirnfunktionsanalyse im selben Bericht zusammenführen — und sie lassen sich später wiederholen, womit aus einer Momentaufnahme ein Verlauf wird.
Online-Veranstaltung am 2. November
Wie das praktisch aussieht, zeigen wir am Montag, 2. November 2026 in einer Online-Veranstaltung: kostenlos, eine Stunde, online. Wir gehen den Weg einmal durch — vom Versand über den Rücklauf bis zum ausgewerteten Profil — und beantworten Fragen.
Die Veranstaltung dauert eine Stunde. Schon beim zweiten Fragebogen ist sie wieder eingespielt.
Die Abbildungen sind schematische Darstellungen; die gezeigten Werte sind illustrativ und stellen keine Messdaten dar.
