Am Donnerstag, 8. Oktober 2026, hat Dr. phil. Andreas Müller im Logosynthese Institut Schweiz in Bad Ragaz und online über ADHS im Spektrum der Neurodiversität gesprochen. Hier die Kernpunkte zum Nachlesen; die Folien stehen zum Download bereit.
Zwei Erwachsene, eine Diagnose
Marco, 38, ist dauernd unter Strom: innere Unruhe, fängt vieles an und beendet wenig, reizbar, schläft schlecht. Nina, 42, driftet ab, sobald es ruhig wird: verliert in Sitzungen den Faden, vergisst und verschiebt, galt immer als unorganisiert — die Diagnose kam erst, als ihr Kind abgeklärt wurde. Beide Beispiele sind fiktiv und typisch für die Erwachsenenpraxis. Beide erfüllen die Kriterien für ADHS.
Gleiche Diagnose, gleiche Empfehlung? Die Diagnose beschreibt Verhalten. Sie sagt nicht, was im Gehirn läuft. Und sie zählt: 18 Kriterien in zwei Listen, bei Erwachsenen fünf von neun, Beginn vor dem zwölften Lebensjahr — rückblickend erhoben. Nirgends steht, warum.
ADHS im Spektrum: Schnitte durch ein Kontinuum
Zwischen ADHS, Autismus, Hochsensibilität, Angst und Traumafolgen verlaufen die Übergänge fliessend. Drei Punkte dazu: Komorbidität ist die Regel — bei Erwachsenen mit ADHS kommen Angst und Depression bei rund der Hälfte vor, Autismus-Züge, Sucht und Traumafolgen häufig; reine Fälle sind selten. Die Dimensionen laufen quer zu den Diagnosen: Reizoffenheit, Erregungsniveau, Stressregulation. Und: nicht defekt, sondern anders verschaltet — mit Stärken und mit Kosten.
Zwei Anker: was jemand erlebt, was der Organismus messbar tut
Die eine Seite ist das Subjektive: Anamnese, Entwicklungsgeschichte, Fragebögen, Verhaltensbeobachtung, das Erleben der Person und ihres Umfelds. Ihre Grenze heisst Masking, Kompensation, Erwartung. Die andere Seite ist das Messbare: Spektren, ereigniskorrelierte Potenziale und Microstates im EEG, dazu Arousal, Vigilanz und Sensitivität als Zustandsgrössen, Herzratenvariabilität und Schlaf, und die Einordnung an einer Normdatenbank. Ihre Grenze: Ein Befund allein ist keine Diagnose.
Beides zusammen ergibt evidenzbasierte Diagnostik — zwei Anker, die sich gegenseitig prüfen. Stimmen sie überein, ist die Diagnose belastbar. Widersprechen sie sich, beginnt die eigentliche Arbeit.
Drei Messperspektiven
Frequenzspektren zeigen, wie erregt ein Gehirn ist. Der bekannteste ADHS-Befund — zu viel Theta, zu wenig Beta — gilt nur für einen Teil der Betroffenen und bei Erwachsenen seltener als bei Kindern. Unter derselben Diagnose finden sich mindestens vier Muster: hypoaroused, verlangsamt, Beta-Überschuss und unauffälliges Spektrum.
Ereigniskorrelierte Potenziale zeigen das Gehirn bei der Arbeit: Wie stark wird ein Reiz aufgenommen (P1, N1)? Bereitet sich das System auf den nächsten vor (CNV)? Und wie viel Ressourcen stehen für Entscheiden und Bremsen bereit (N2, P3)? Bei ADHS ist die P3 typischerweise kleiner und später.
Microstates zeigen, wo das Gehirn seine Zeit verbringt. Das Ruhe-EEG verharrt 60 bis 120 Millisekunden in einem Muster und kippt dann; vier Klassen erklären den Grossteil. Dauer, Häufigkeit und Wechsel sagen, ob ein Zustand klebt oder ob das System zu schnell springt.
Drei Zustandsgrössen — und ein aufgelöstes Paradox
Arousal fragt: Wie wach ist das Gehirn? Vigilanz fragt: Bleibt es wach — über 21 Minuten derselben, langweiligen Aufgabe? Sensitivität fragt: Wie viel kommt überhaupt herein?
Die Antworten fallen auseinander. In einer Stichprobe von 958 Erwachsenen (Müller, Candrian & Pershin, eingereicht) hängen mehr ADHS-Symptome mit weniger erregtem Gehirn zusammen (β = −.14), mehr Angst dagegen mit mehr Erregung (β = +.12). Daraus wird das alte Paradox verständlich: Ein untererregtes Gehirn sucht Stimulation — Bewegung, Lärm, Konflikt, Bildschirm. Marcos «Strom» ist Selbststimulation. Deshalb wirken Stimulanzien beruhigend: Sie heben das Arousal, die Selbststimulation wird unnötig. Wer umgekehrt wirklich übererregt ist, wird durch sie unruhiger.
Vigilanz ist nicht dasselbe wie Arousal: Man kann wach starten und nach acht Minuten wegdriften. Genau das erklärt Ninas Unaufmerksamkeit — und bei manchen die Hyperaktivität als Versuch, sich wach zu halten.
Und die Sensitivität trennt eine Gruppe ab, die in der Praxis regelmässig als «ADHS-Verdacht» ankommt: Hochsensible berichten Ablenkbarkeit, Überforderung und Erschöpfung (β = .26 für den Zusammenhang mit ADHS-Symptomen), zeigen unter Aufgabe aber ein deutlich höheres Arousal (d = 0.54) bei unauffälliger Vigilanz (r = .01). Das ist eine andere Population als das hypoaroused ADHS — und sie braucht Reizdosierung und Erholung statt Aktivierung.
Was es das System kostet
Sensitivität ist der Eingang, Arousal und Vigilanz sind der Zustand, Stress sind die Kosten. Bei ADHS ist die Stressachse oft flach: tiefes Cortisol, flache Herzratenantwort — Druck und Fristen werden zu spät gespürt, dann kommt alles auf einmal. Dazu kommen die sekundären Kosten aus Jahrzehnten von Misserfolg, Kritik und Jobwechseln: Angst, Depression, Erschöpfung, Selbstwertverlust. Im Erwachsenenalter sind sie oft die eigentliche Last — und das, womit Klientinnen und Klienten in Beratung und Coaching ankommen.
Vier Profile, vier Behandlungslogiken
| Profil | Alltag | Medikation | Therapie |
|---|---|---|---|
| A hypoaroused → aktivieren | Struktur, Bewegung, Schlaf; äussere Taktgeber | Stimulanzien erste Wahl — sie heben das Arousal | Neurofeedback auf Arousal, Coaching für Routinen |
| B übererregt → Reize dosieren | Reizreduktion, Vorhersehbarkeit, Erholungsfenster | Stimulanzien nicht erste Wahl; ggf. Angst und Schlaf behandeln | Psychotherapie, HRV-Biofeedback, Entspannung |
| C vigilanz-instabil → Rhythmus geben | Schlaf, Licht, Pausen alle 10–15 Minuten | oft genügt eine niedrige Dosis; Timing nach Tagesverlauf | Neurofeedback auf Vigilanz, Selbstbeobachtung, Tracking |
| D unter Strom → beruhigen | Arbeitslast und Konflikte entschärfen, Schlafhygiene | Stimulanzien vorsichtig | Stressregulation, Psychotherapie, Neurofeedback auf Beruhigung |
Die Profile sind Prototypen; in der Praxis kommen Mischformen vor. Entscheidend ist der Satz dahinter: Das Profil, nicht die Diagnose, bestimmt die Behandlung. Und: Dieselbe Technik kann zwei Klienten helfen oder schaden — wer nicht wach wird, braucht Aktivierung; wer nicht herunterkommt, braucht Dosierung.
Verlauf statt Momentaufnahme
Auf die Hirnfunktionsanalyse folgen der Behandlungsplan und dann die Kontrolle: kurze wöchentliche Einschätzungen im Alltag — von Betroffenen, Partnerinnen und Partnern, bei Bedarf aus dem Arbeitsumfeld — zu Schlaf, Stress, Konzentration und Stimmung. Sie zeigen früh, ob eine Massnahme greift. Nach rund zwölf Monaten wird die Hirnfunktionsanalyse wiederholt: Hat sich der Betriebszustand verändert — Arousal, Vigilanz, P3, Stresssystem — oder nur das Verhalten? Daraus folgt: weiter, anpassen oder ausschleichen.
Grenzen
Die Profile sind Prototypen, keine Kategorien. Gruppenbefunde sind nicht der Einzelfall. Medikation gehört in ärztliche Hand. Und die Hirnfunktionsanalyse ergänzt die klinische Diagnostik — sie ersetzt sie nicht.
Drei Sätze zum Mitnehmen
- Gleiche Diagnose, verschiedene Gehirne: ADHS ist ein Spektrum von Betriebszuständen, nicht ein Gehirn.
- Arousal, Vigilanz und Sensitivität trennen, was das Verhalten vermischt — und entscheiden über Aktivieren oder Dosieren.
- Erst verstehen, dann behandeln: Der Plan entsteht aus dem Profil, und der Verlauf zeigt, ob er stimmt.
Fortgesetzt wird das Thema am Biomarker-Workshop vom 10. Dezember 2026 in der Paulus Akademie Zürich: «Sensitivität und Stress bei ADHS, Autismus und PTBS».
Literatur und das Grundlagenpapier «Sensitivität und Stress bei ADHS, ASS und PTBS» auf Anfrage: andreas_mueller@hin.ch
