Was ein klinischer Fragebogen von Hand kostet — und warum das niemand abrechnet
Es gibt eine Art von Arbeit, die in keiner Leistungsabrechnung auftaucht, in keinem Qualitätsbericht und in keiner Diskussion über Wartezeiten. Sie fällt an, bevor die eigentliche Arbeit beginnt, und sie fällt jedes Mal neu an.
Ein klinischer Fragebogen muss vorbereitet und ausgeteilt werden. Er muss zurückkommen, und dass er zurückkommt, muss jemand kontrollieren. Dann muss er ausgewertet werden: Rohwerte addieren, in die Normtabelle schauen, umrechnen, übertragen. Erst danach steht etwas da, mit dem sich klinisch arbeiten lässt.
In unserer Praxis kostet das pro Fragebogen folgende Zeit:
| Arbeitsschritt | Zeit |
| Vorbereiten und austeilen | 10 Minuten |
| Rücklauf kontrollieren | 5 Minuten |
| Auswerten und übertragen | 20–40 Minuten, je nach Instrument |
| Summe | 35–55 Minuten |
Das sind Angaben aus der eigenen Praxis, keine Studienwerte. Wir weisen sie ausdrücklich so aus, weil jede Fachperson sie an ihrem eigenen Betrieb nachrechnen kann — und genau das soll sie tun. Wer schneller ist, hat bessere Abläufe. Wer langsamer ist, arbeitet wahrscheinlich mit aufwendigeren Instrumenten.
Der Punkt ist nicht die Dauer, sondern wohin sie fliesst
Fünfunddreissig Minuten sind nicht viel. Das Problem ist, dass es die falschen fünfunddreissig Minuten sind.
Es ist Zeit einer Fachperson — jener Ressource also, die in der psychiatrischen und psychologischen Diagnostik knapp ist und die darüber entscheidet, wie lang eine Warteliste wird. Und es ist Zeit, die nicht in die Beurteilung fliesst, sondern in die Verwaltung einer Beurteilungsgrundlage. Niemand versteht ein Kind besser, weil er Rohwerte addiert hat. Die Addition muss nur stimmen.
Rechnen wir es hoch, aber vorsichtig: Eine Abklärung, die mit drei Instrumenten arbeitet, bindet nach dieser Rechnung zwischen knapp zwei und etwa zweidreiviertel Stunden allein für Austeilen, Kontrollieren und Auswerten. Bei zehn Abklärungen im Monat sind das rund zwanzig bis achtundzwanzig Stunden — eine halbe bis eine dreiviertel Arbeitswoche. Diese Hochrechnung ist eine Multiplikation unserer eigenen Zeitangaben und nichts weiter; wie viele Instrumente und wie viele Abklärungen bei Ihnen zusammenkommen, wissen Sie besser als wir.
Was sich daran ändern lässt — und was nicht
Zwei Dinge lassen sich nicht wegdigitalisieren, und es wäre unseriös, das zu behaupten.
Das Gespräch nicht. Die klinische Beurteilung nicht. Ein Fragebogen ist eine strukturierte Selbst- oder Fremdauskunft, nichts weiter; was sie bedeutet, entscheidet eine Fachperson. Daran ändert kein Werkzeug etwas, und wir haben an anderer Stelle beschrieben, warum ein Schwellenwert allein ohnehin die falsche Frage beantwortet (siehe Ja oder nein? Warum ein Fragebogen mehr können muss).
Was sich ändern lässt, sind die drei Schritte in der Tabelle. Austeilen wird zum Versand eines Links. Die Rücklaufkontrolle wird zu einem Blick auf eine Übersicht, die ohnehin schon weiss, wer geantwortet hat. Und die Auswertung — Rohwerte, Normierung, Umrechnung, Übertragung ins Dokument — läuft gerechnet statt beurteilt. Genau dafür ist die HBImed Fragebogen-App gebaut.
Stand heute stehen 50-60 normierte Instrumente in 14 verschiedenen Sprachenzur Verfügung, 25 weitere sind in Arbeit. Welche davon für eine bestimmte Fragestellung taugen, ist eine fachliche Frage und keine Frage der Anzahl — eine Sammlung, die wächst, ist uns ohnehin lieber als eine, die fertig ist. Anwender melden laufend neue Fragebogen zu irgendwelchen interessierenden Themen.
Der eigentliche Gewinn liegt übrigens nicht einmal in der gesparten Zeit, sondern daneben: Fragebogenergebnis, Testleistung und Hirnfunktionsbefund stehen im selben Dokument, normiert an derselben Vergleichsgrundlage. Warum die Vergleichsgrundlage der entscheidende Punkt ist und nicht ein Detail, steht in Was heisst hier normal? Warum ein einzelner Messwert ohne Vergleichsgruppe nichts sagt.
Eine Stunde, die sich rechnet
Am Montag, 2. November 2026, zeigen wir die HBImed-Apps live: wie ein Fragebogen versandt, ausgewertet und in einen Befund überführt wird, und wie das Therapie-Tracking daran anschliesst. Kostenlos, eine Stunde, online.
Die Veranstaltung dauert sechzig Minuten. Nach dieser Rechnung ist sie schon beim zweiten Fragebogen wieder eingespielt — und das gilt auch am unteren Rand der Spanne, wo zwei Fragebögen siebzig Minuten kosten. Jeder weitere ist Gewinn.
Was dieser Text nicht zeigt
Die Zeitangaben sind unsere eigenen, aus der eigenen Praxis, an einem Betrieb erhoben. Sie sind keine Erhebung über Praxen hinweg, keine Studie und kein Durchschnitt. Wir halten sie für typisch, und wir können es nicht belegen.
Was wir ebenfalls nicht belegen können, ist die Ersparnis auf der anderen Seite. Digitale Erhebung und automatische Auswertung erzeugen eigenen Aufwand: Einrichtung, Einarbeitung, der Patient, der den Link nicht findet, der Fragebogen, der auf Papier ausgefüllt werden muss, weil es anders nicht geht. Wie viel von den 35 bis 55 Minuten am Ende übrig bleibt, hängt vom Betrieb ab. Wir behaupten nicht, dass es null ist.
Und schliesslich: Zeitersparnis ist ein Argument für eine Praxis, nicht für eine Patientin. Dass ein Verfahren Aufwand senkt, sagt nichts darüber, ob es die Diagnostik besser macht. Beides muss getrennt beurteilt werden, und dieser Text behandelt nur das Erste.
